Bundeswehr: Werbung fürs Sterben?

oder

Mangelverwaltung und Paragrafendschungel in Bundeswehr-Amtsstuben

statt

großer Abenteuer

Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/38401/umfrage/personalbestand-der-bundeswehr-seit-2000/


Die Human Ressource-Kampagne der Bundeswehr: “Was wirklich zählt.”

Anwerbeziel nicht erreicht!

Teure Werbung für falsche Ziele zieht falsche Zielgruppen an

So haben z.B. von den Soldaten, die 2019 ihren Dienst in den Streitkräften angetreten haben, bis zum 31. Dezember 2019 sogar 3.127 den Dienst vorzeitig beendet;

Quelle: Kleine Anfrage der FDP

 

“Wo sind die Menschen, die zu uns passen, aber sich nicht von uns angesprochen fühlen?”  (Ministerin von der Leyen, 2016)

 

Die Meinung eines Bundeswehr-Hauptmanns im Bayrischen Fernsehen am 25.7.2017:

“Ich brauche hier Leute mit klarem Verstand, die sehr sensibel sind im Umgang mit der Waffe und wissen, wann sie die Waffe einzusetzen haben – nämlich nur im absoluten Notfall [..] Und ich brauch hier keinen, der hierherkommt, weil er gern einmal die Waffe benutzen möchte. Die versuchen wir hier rauszufiltern[…]“

https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/dokthema/bundeswehr-probleme-nachwuchs-104.html

Mit dem Ende der allgemeinen Wehrpflicht startete die Bundeswehr eine Kampagne zur Gewinnung neuer Soldaten und Soldatinnen, der sog.Human Ressource ( HR)-Kampagne.

Dabei setzte sie mithilfe einer Werbeagentur und einem Werbebudget von satten 35 Mio. Euro auf eine spezielle Bildersprache und auf Slogans, die zeitgemäße Identifikationsangebote an Jugendliche machen sollten, welche bisher nicht unbedingt militäraffin waren, aber Fähigkeiten und Expertisen einbringen könnten.

Ebenso setzte man auf die Zielgruppe der bis dahin deutlich unterrepräsentierten Frauen. Die Werbung machte, als ob Frauen direkt für den Kriegseinsatz gewonnen werden. Einerseits mit der Knarre im Anschlag, andererseits warb man ausgerechnet mit einem Ex-Playmate für den Tag der Bundeswehr 2019.

Bis 2024 Werbeziel der Bundeswehr: 12000 Neue RekrutInnen ?

Mit solchen Widersprüchen und plumpen Signalen konnten die Anwerbeziele bisher nicht erreicht werden.

Zumal Nachrichten an die Öffentlichkeit drangen über Rechtsradikalismus in der Truppe, über sexuelle Übergiffe, über traumatisierte SoldatInnen, über Waffenklau beim KSK…

Unter den angegebenen Gründen für das Verlassen der Truppe war auch:

“Bei der Karriereberatung wurde ein anderes Bild von meiner Tätigkeit vermittelt”.

(Quelle: Deutscher Bundestag, Drucksache 19/16617 vom 20.1.20 )

Diese Menschen gibt es, aber sie werden offenbar mit diesen Kampagnen nicht erreicht.

“Wer wirklich ernsthaft bereit ist, sein Leben in der Armee einzusetzen, der möchte ernst genommen werden und echte Antworten auf die Frage bekommen „was wirklich zählt“. Das lässt sich nicht im bildgewaltigen Werbe und Entertainment-Modus erledigen.

Um die eigene Gesundheit oder gar ums eigene Leben zu bangen, ist nicht spannend und Töten ist kein Killerspiel. So bekommt die Bundeswehr jedenfalls zu ihrem grundsätzlich problematischen Auftrag noch die falschen BewerberInnen!”

Marie B.-B.

2019 Bundeswehr-Werbeverbot an Schulen

(Antrag 109/I/2019 der Berliner SPD )

und Mediale Kontroversen:

Fallschirmjäger-Offizier klagt an:

“Verbannung von Schulen ist Schlag ins Gesicht”

https://www.focus.de/politik/deutschland/bundeswehr-werbeverbot-an-schulen-deutscher-offizier-im-interview-das-ist-ein-schlag-in-unser-gesicht_id_10539762.html

 

Meinung des Offiziers: “[…] Nicht Einsatz, Verwundung und Tod sind der Alltag, sondern vielmehr Büroarbeit, Planung und die permanente Mangelverwaltung. Diese extreme Fokussierung der Kritiker auf den Tod spiegelt einfach nicht meine Realität wider. Ich bin kein Held, aber auch kein Mörder”.

“[…]Wir sind aber nicht an verblendeten Rekruten interessiert, die ohne Vorwissen oder mit falschen Vorstellungen zu uns kommen, und dann bei kleinsten Hürden wie zum Beispiel frühem Aufstehen oder körperlichen Anstrengungen sofort die Segel streichen. Wir brauchen Bewerber mit einer hohen inneren Motivation, die realistisch einschätzen können, was auf sie zukommt und sich emotional zugehörig fühlen.[…]”

Unser Mitglied H.B.

im Interview mit Der Sonntag vom 7.4.2019

„Das ist ein positives Zeichen der Genossen“:

Als jemand, der mit großer Sorge die rasant wachsende Betonung des Militärischen in der Innen- und Außenpolitik Deutschlands und Europas sieht und bestürzt beobachtet, wie wenig Widerspruch diese kriegsgefährliche Entwicklung in den Medien und in der Gesellschaft findet, sehe ich im Beschluss der SPD ein positives Zeichen. Hoffentlich verstärkt er die Wirkung der Kampagne “Unter 18 nie! Keine Minderjährigen in der Bundeswehr”, die von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sowie anderen Organisationen am “Girls Day” gestartet worden ist. Denn auch an diesem bundesweiten Tag der Berufsorientierung für Mädchen umwarb die Bundeswehr Schülerinnen ab der fünften Klasse mit mehr als 3 600 Angeboten.“

Zum ganzen Interview hier klicken

Bundeswehr-Zielgruppe : Junge Generation

Die viel umworbene Zielgruppe der Bundeswehrwerbung: Die junge Generation, die mit vielen Methoden, medialen Mitteln und hohem Werbeetat von der Bundeswehr angesprochen werden soll. Wir informieren, klären auf und stellen Ansätze zur Gegenwehr vor:

Rekrutierung von Minderjährigen in Deutschland:

ein Beitrag zum Frieden?

Eine PowerPointPräsentation von unserem Mitglied H.B.

Bundeswehr auf Messen

Die Bundeswehr präsentiert sich nicht nur auf Jobbörsen für Jugendliche, sondern auch auf Konsum-Messen, so z.B. war ein Auftritt auf der Baden Messe in Freiburg 2017 geplant:

Auszug aus unserem Briefeinspruch an die Messeleitung: “Die Bundeswehr gehört nicht auf eine Verbrauchermesse, denn ihre “Dienstleistung” ist der Einsatz militärischer Mittel, um Rohstoffe, Handelswege des Exportweltmeisters Deutschland im 21. Jahrhundert abzusichern. Indem die Messeleitung den Karriereberatern der Bundeswehr wieder die Chance gibt […] sich als attraktiver normaler Arbeitgeber zu präsentieren, trägt sie ganz erheblich zur inzwischen dominierenden “banalen Militarisierung“ unserer Gesellschaft bei. […]”

Den Originalbrief finden Sie hier

Antwort der Messeleitung auf unseren Einspruch: “… vielen Dank für Ihr Schreiben vom 02.Mai 2017, in dem Sie die Präsenz der Bundeswehr auf der Baden Messe ablehnen und uns bitten, die Bundeswehr zukünftig nicht mehr zuzulassen. Wir können hierzu mitteilen, dass es keine Beteiligung der Bundeswehr auf der Baden Messe vom 09.-17. September 2017 geben wird.“

Die Antwort hier im Original

Die Schreiben gingen zur Kenntnis an den OB, die regionale Presse, allerdings ohne Echo! Gleichwohl sahen wir es auch als einen kleinen Etappensieg beim Bohren dicker Bretter an!

Weitere Werbemethoden der Bundeswehr:

Zum Beispiel der ‘Tag der Bundeswehr’: Waffen in Kinderhänden, obwohl das verboten ist . “Gemäß Nummer 9.8 auf Seite 8 des VMBl 2007 Nr. 1 erhalten Kinder und Jugendliche auf Veranstaltungen der Truppe, die der Informationsarbeit dienen, keinen Zugang zu Handfeuerwaffen oder Munition. Für ausgestellte Waffensysteme gilt dies adäquat.” Allerdings wurde dies dahingehend geändert, dass Panzer z.B nicht Waffen im Sinne des Waffengesetzes sind.     (https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2011/_11/_22/Petition_21268.nc.html)

Dieses Fotos, welche die DfGVK im Juni 2016 in Stetten machte, zeigt z.B.,dass die Bundeswehr sich nicht immer an das Verbot, Waffen in Kinderhänden, hält: Kinder hantieren mit Waffen derTypen G36 und P8 sowei bei einer Einweisung an einer Maschinenpistiole des Typs MP 7.                                  

Die Bundeswehr nutzt die Neugier und Faszination von Waffen bei Kindern und lässt sie auf Panzern und Kampfjets herumturnen. Sind ja keine “Waffen” im Sinne des BW-Erlasses von 2011!

“Arbeitgebermarke Bundeswehr“

„Anfang November 2015 hat die Bundeswehr die Arbeitgeberkampagne „Mach, was wirklich zählt“ gestartet. Mit der zielgruppenorientierten Weiterentwicklung der Kommunikation vom „sicheren Versorger“ Bundeswehr hin zum „sinnstiftenden und qualifizierenden“ Arbeitgeber hat sich die Arbeitgebermarke Bundeswehr neu positioniert. […] ‘Schwerpunktzielgruppe’: die 16- bis 29-Jährigen.

Wirklich? “Sinnstiftender Arbeitgeber” Bundeswehr?

Quelle: https://dfg-vk.de/ dort unter: unsere-themen/anti-militarisierung/BW-wuensche

WIR?

DIENEN?

DEUTSCHLAND?

Leitspruch: “Mach, was wirklich zählt”

 

Ja, was zählt denn wirklich?

Die Bundeswehr als Arbeitgeber in der Corona-Krise: In der Krise ist das Bedürfnis insbesondere von Jugendlichen nach Sicherheit groß und der Öffentliche Dienst wird daher als attraktiver Arbeitgeber eingeschätzt. Davon will auch die Bundeswehr profitieren. Zumal der Einsatz der Bundeswehr im Innern beim Krisenmanagement zur Veralltäglichung des Militärischen in zivilen Bereichen beiträgt.

Mädchen mit Helm und Weste am GirlsDay

https://www.bmvg.de/de/presse/bundeswehr-auf-platz-2-schuelerinnen-und-schuelern-266008

Das Trendence Institut befragte 2020 etwa 22.000 abschlussnahe Schüler*Innen zu ihrer Einschätzung der Attraktivität von Arbeitgebern.

Mit 13,2 Prozent stieg die Bundeswehr auf Platz 2 hinter der Polizei und ließ damit Adidas und Daimler hinter sich.

Außerdem sehen 26,8 Prozent die beste Karrierewebsite und 26,3 Prozent den stärksten Social-Media-Auftritt bei der Bundeswehr.

https://www.arbeitgeber-ranking.de/rankings/schueler

Ab 1. April 2021: Leider kein Aprilscherz!

Neue Offensive Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz ( FWDL)

“Dein Jahr für Deutschland”

https://www.bmvg.de/de/aktuelles/-dein-jahr-fuer-deutschland-freiwillig-die-heimat-schuetzen-348578

Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz

Ab dem 01.04.2021 wird es in der Bundeswehr einen neuen Freiwilligen-Dienst, genannt „Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz“ geben, für den mit dem Slogan „Dein Jahr für Deutschland“ geworben wird und der sich speziell an die Zielgruppe junger Menschen richtet, auch an die Minderjährigen ab 17 Jahren.

Zur Sachlage:

  • Der neue Dienst ist einjährig
  • Er teilt sich auf in 7 Monate Freiwilliger Wehrdienst und 5 Monate Reservistendienst innerhalb von 6 Jahren
  • Der Wehrdienst umfasst Waffen – und Schießübungen, an denen auch die Minderjährigen teilnehmen sollen
  • Im Reservistendienst soll der Einsatz wohnortnah erfolgen
  • Keine Auslandseinsätze
  • Zunächst für 1 Jahr als Pilotprojekt mit 1000 jungen Frauen und Männern geplant.

Was steckt dahinter?

Die Bundeswehr hat nicht mehr genügend Soldat*innen. Trotz intensiver Onlinewerbung und Human-Ressource Kampagnen wie „Mach, was wirklich zählt“ und „Folge deiner Berufung“ u.a. mittels großer Plakate z.B. auf Bahnhöfen schafft es die Armee nicht, ihr Rekrutierungsziel zu erreichen, es fehlt an Nachwuchs.

2020 kam aus Sicht des Militärs ungünstig die Corona – Pandemie hinzu: Jugendoffiziere und die sogenannten Karriereberater konnten nicht wie sonst üblich an den Schulen auftreten und der „Tag der Bundeswehr“ fiel, zumindest in der Präsenz, aus.

Kritik in 4 Punkten

  1. Der neue Freiwillige Wehrdienst im Heimatschutz ist eine Werbemaßnahme, um gezielt ganz junge Menschen als Soldat*innen anzusprechen und möglichst an das Militär zu binden. Dadurch wird die Zahl der Minderjährigen nochmals erhöht, sie beträgt schon bisher mehr als 1700 Jugendliche (2019, laut Pax Christi).
    Minderjährige werden zwar noch nicht in Auslandseinsätze geschickt, aber eine Ausbildung an der Waffe findet statt und danach mit 18 Jahren kann es dann durchaus zu Auslandseinsätzen kommen.
  2. Die Rekrutierungspraxis der Bundeswehr verstößt gegen Artikel 3 der UN – Kinderrechtskonvention und damit gegen das Völkerrecht im Gegensatz zu 150 Staaten, die den internationalen Konsens einhalten (Schattenbericht Kindersoldaten 2019).
  3. “Die Bundeswehr setzt ihr Rekrutierungsinteresse über den Kindesschutz und die Einhaltung der Kinderrechte”, sagt Ralf Willinger von terre des hommes. Darüber hinaus kommt es auch zu anderen schweren Verletzungen der Kinderrechte, es wird von demütigenden Aufnahmeritualen und sexuellen Übergriffen berichtet (Bündnis Unter 18 Nie – Keine Minderjährigen in der Bundeswehr). Selbst die Bundeswehr hat von 345 strafbaren sexuellen Vergehen in ihren Reihen im Jahr 2019 berichtet, weigert sich aber, wenigstens spezielle Schutzmaßnahmen für minderjährige Soldatinnen und Soldaten einzuführen.
  4. Minderjährige müssen dasselbe militärische Kampftraining an der Waffe durchlaufen wie Erwachsene und werden mit diesen zusammen untergebracht. Auch im Zusammenhang mit den vielen rechtsextremistischen Vorfällen in der Bundeswehr ist dieses Vorgehen zu kritisieren.

Die Verwendung des Begriffs Heimatschutz für den neuen Freiwilligendienst ist hoch problematisch. Er ist der Terminologie des rechten Milieus entnommen, Faschisten und Neonazis verwenden ihn gerne für paramilitärische Einheiten, Bürgerwehren und rechte Kameradschaften, zum Beispiel Thüringer Heimatschutz, aus dem der NSU – Terrorismus hervorging.

Solch ein Begriff mit rechten Bezügen zieht ganz automatisch Demokratiefeinde und junge Leute mit rechter Gesinnung an, sich freiwillig für den neuen Dienst zu melden. Dabei hat die Bundeswehr doch schon genügend Probleme mit rechtsextremen Netzwerken und rechten Tendenzen in ihren Reihen.

Die Ministerin A. Kramp-Karrenbauer hat die Namensgebung damit verteidigt, dass „Heimat etwas ist, was für die Menschen absolut positiv geprägt ist.“ Genau das ist der Werbetrick: Auf der Homepage des neuen Freiwilligendienstes wird mit Sprüchen gelockt wie “SCHÜTZE, WAS DIR WICHTIG IST – DER NEUE DIENST IN DEINER HEIMAT” – “WEIL DU HIER WICHTIG BIST” – “WACHSEN, WO DU GROSS GEWORDEN BIST”. Wer möchte das nicht? Es wird ganz gezielt an das Verantwortungsgefühl der jungen Leute für ihr soziales Umfeld, ihre Region und ihre Mitmenschen appelliert. Sie sollen ihre Heimat beschützen.

Die Wohlfahrtsverbände erheben ebenfalls Einspruch, weil dieser neue Freiwilligendienst, zumindest außerhalb des militärischen Teils, in ihre Bereiche eingreift, die schon durch das Soziale Jahr, den Bundesfreiwilligendienst und das Freiwillige Ökologische Jahr abgedeckt sind.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband kritisiert ungleiche Verhältnisse: Soziale Dienste würden im Wettbewerb mit der Bundeswehr benachteiligt, z.B. durch ungleiche Werbeetats, 840 € netto Sold pro Monat und sonstige Privilegien für Soldat*innen, die anderen jungen Freiwilligen nicht zugutekommen.

Diese neue Konkurrenz, die ab dem 01.04.21 in Kraft tritt, ist von den sozialen Verbänden absolut unerwünscht.

Claudia Meissner, 21.03.2021